Auge und Archiv der Neusser Zeitgeschichte
Andreas Woitschützke als Lokalfotograf
Jens Metzdorf und Annekatrin Schaller
„Fotografieren: Es bedeutet, den Kopf,
das Auge und das Herz auf dieselbe
Sichtlinie zu bringen.“
Die meisten Neusserinnen und Neusser kennen Andreas Woitschützke als Fotografen im Auftrag der Neuß-Grevenbroicher Zeitung. Er ist seit fünf Jahrzehnten gefühlt fast immer und überall dabei, wenn in der Stadt etwas geschieht, sei es in der großen Politik oder im kleinen Verein, bei freudigen oder traurigen Anlässen, bei Jung oder Alt. Lokalfotografen sind „Allrounder“1, heißt es im Handbuch des Fotojournalismus und das trifft auch auf Andreas Woitschützke voll und ganz zu. Als Bildjournalist hält er die gesamte Bandbreite des städtischen Lebens fest: Er ist Auge und Archiv der Neusser Zeitgeschichte.
Die ersten Fotojournalisten gab es bereits kurz nach der Entwicklung der Fotografie im 19. Jahrhundert. Deutlich schneller und unmittelbarer als Zeichner und Maler konnten sie schon mit den frühen Kameras Ereignisse am Ort des Geschehens festhalten. Zu den ersten Einsatzgebieten gehörten insbesondere Kriege, etwa die Schlachtfelder des Krimkriegs in den 1850er Jahren, wo erstmals Fotografen, die wie Roger Fenton mit einer fahrbaren Dunkelkammer unterwegs waren, Aufnahmen machten, um sie anschließend der Öffentlichkeit über die stetig zunehmenden Zeitungspublikationen zur Verfügung zu stellen.
Ende des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Handkameras auf, seither wurde die Fotografie nach und nach immer mehr Menschen zugänglich. Ihre Porträts und die der Personen der Zeitgeschichte wurden allerdings zunächst meist noch in den traditionellen Ateliers und von Kameras mit langen Belichtungszeiten wie dem der Neusser Fotografen Heinrich Kleu oder Albert Landmesser ins Bild gesetzt. Doch nachdem die Kameras Anfang des 20. Jahrhunderts immer handlicher und die Verfahren zur Negativentwicklung vereinfacht wurden, war es für die Fotografen zunehmend leichter, Menschen und Ereignisse auch mal spontan zu fotografieren. Parallel gab es technische Neuerungen im Zeitungsdruck: Insbesondere die Entwicklung des Rasterdrucks in den 1880er Jahren ermöglichte es nun, Fotografien direkt in Zeitungen zu reproduzieren. Damit begann der moderne Zeitungs-Fotojournalismus. Zeitungen und Zeitschriften erkannten schnell, dass sich Geschichten durch die Ergänzung von Fotos eindrucksvoller kommunizieren ließen. Die Pressefotografie als eigenes Genre entstand und erlebte in den 1920er und 1930er Jahren eine erste Blüte. Aus dieser Zeit kennen wir auch den ersten Fotografen im Dienst der Neuß-Grevenbroicher Zeitung, Walter Pfeifer (1897–1945).
Seit ihrem Wiedererscheinen 1949 bis in die beginnenden 1970er Jahre hinein illustrierte dann Philipp Groß (1910–1984) mit seinen Fotos die Beiträge in der NGZ. Sein Nachfolger in den 1970er und 1980er Jahren, Wolfgang Maes (1948–2019), brachte das Wesen der Arbeit eines lokalen Pressefotografen einmal mit folgenden Worten auf den Punkt: „Der Job ist spannend, abwechslungsreich und unberechenbar“, man müsse ihn „mit offenem Herzen und wachem Blick“ ausüben.2 Andreas Woitschützke blieb dieser Devise treu, als er nach einigen Jahren der gemeinsamen Arbeit schließlich den Staffelstab von Maes übernahm und schließlich länger für die NGZ fotografierte als alle seine Vorgänger.
„Hohe Unmittelbarkeit, soziale Vernetzung und Anerkennung“ bescheinigen die Autoren des Handbuchs für Fotojournalismus denjenigen Pressefotografen, die auf lokaler Ebene arbeiten.3 Die nötige Flexibilität, das schnelle, präzise Auge, um in Augenblicken das Wesentliche ins Bild zu bannen und auch eine gehörige Portion psychologisches Geschick sind für Andreas Woitschützke nach mehr als fünfzig Jahren als Pressefotograf selbstverständliches Handwerkszeug geworden. Er kennt die Stadt und ihre Menschen aus dem Effeff. So ist er, der wohl so viele in Neuss kennt wie kaum ein anderer, ein zentrales Bindeglied zwischen der Lokalredaktion und der Stadtgesellschaft. Und für die ungezählten Menschen in Neuss, deren Gesichter er in den vergangenen Jahrzehnten in die Zeitung gebracht hat, ist er selbst wiederum das Gesicht der Zeitung, der Redaktion und des Lokaljournalismus.
Es war seine Schwester Karin, die kurz nach 1970 beim jungen, 1956 im westfälischen Bocholt geborenen Andreas Woitschützke das Interesse an der Fotografie weckte: „Sie arbeitete als Fotolaborantin und brachte schon mal Fotopapier mit nach Hause,“ erinnert sich Woitschützke. „Als Jugendlicher arbeitete ich dann sechs Wochen in einer Fabrik und kaufte mir von diesem ersten selbstverdienten Geld meine erste Spiegelreflexkamera – eine Canon FTb in schwarz. Nur zwei Jahre später stieg ich auf NIKON um und fotografiere seitdem nur mit Nikon, diversen Gehäusen und Objektiven.“
Parallel zu seiner Ausbildung zum Groß- & Außenhandelskaufmann war Andreas Woitschützke ab 1973 bereits als freier Mitarbeiter für das Bocholter-Borkener Volksblatt im Bereich Sport unterwegs, eine lokale Traditionszeitung, deren Gründung 1871 ebenso wie die der Neuß-Grevenbroicher Zeitung auf die Zeit des Kulturkampfes zurückgeht. Zwischen 1976 und 1978 war Woitschützke dann Fotograf in der Pressestelle des I. Korps, einem Großverband des Heeres der Bundeswehr in Münster. In dieser Zeit sammelte er bei zahlreichen Einsätzen im Ausland wertvolle Erfahrungen im Bereich Fotodokumentation, etwa in Portugal, Sardinien oder auf Kreta. Parallel zu seiner Arbeit bei der Bundeswehr war Woitschützke ein gefragter Fotograf für Musikveranstaltungen. Als Hallenfotograf der Halle Münsterland fotografierte er in den späten 1970er Jahren Konzerte bekannter Bands und Musikgrößen wie Santana, Peter Gabriel, Udo Lindenberg, Leonard Cohen, Johnny Cash oder Georges Moustaki und vieler weiterer.
Es war der spätere langjährige Redaktionsleiter der NGZ, Ludger Baten, der nach dem Abitur in Bocholt beim Bocholter-Borkener Volksblatt volontiert hatte und ein Jahr nach seinem eigenen Wechsel in die Sportredaktion der NGZ im Juli 1977 Andreas Woitschützke als freien Bildjournalisten ebenfalls ins Rheinland holte, wo sie bis zum Ausscheiden von Baten über 40 Jahre zusammenarbeiteten.
Als Fotograf entwickelte sich Woitschützke stetig weiter, war er doch neben dem fordernden Fotojournalismus bei der Tageszeitung auch immer wieder auf anderen Feldern unterwegs. Als Fotograf für Produktionen des Westdeutschen Rundfunks fotografierte er in Köln bei der „Lindenstraße“, beim „Tatort“ oder „Bios Bahnhof“. Hinzu kamen immer wieder Aufträge aus der Tourismusbranche, die ihn zu attraktiven internationalen Locations auf Malta, in Tunesien oder Hongkong führten. Seiner Reiselust und seinem persönlichen wie fotografischen Interesse an anderen Ländern, seinem Auge für Menschen und Kulturen folgte er dann schließlich mit großer Intensität bei seinen zahlreichen Auslandsreisen auf vier Kontinente. Außergewöhnlich blieb für ihn überdies die Erfahrung, während des Balkankrieges Anfang der 1990er Jahre – für die NGZ – zu drei Fotoeinsätzen in Rijeka, Gospic und Srebrenica verpflichtet worden zu sein.
Seit den 1980er Jahren ist Andreas Woitschützke – für viele nur „der Woi“ – in Neuss und Umgebung bei unzähligen Terminen der Tageszeitung und mit seinen veröffentlichten Bildern omnipräsent. So überrascht es nicht, dass ihm in der Folge auch zahlreiche private Fototermine angetragen wurden und Aufträge aus der Wirtschaft – von Siemens, 3M oder Nissan – eingingen. Sein Standbein blieb jedoch in allen Jahren der lokale Fotojournalismus und seine Arbeitgeberin, die NGZ. Langjährig war daneben sein Engagement als Theaterfotograf beim Rheinischen Landestheater. Über 20 Jahre hielt Woitschützke vor und hinter der Bühne Schauspieler*innen, Szenen, Gesten, Emotionen im Bild fest. Doch auch hier ging er mit der Zeit: Als er auf die digitale Fotografie umstieg und der damalige Intendant auf traditionellen Papierabzügen bestand, endete die Zusammenarbeit einvernehmlich.
Seit den 1970er Jahren, als Andreas Woitschützke bei der Zeitung in Neuss einstieg, hat der Stellenwert von Bildern in der Presse und in der Gesellschaft insgesamt enorm an Bedeutung gewonnen. Das farbige Bild löste das schwarz-weiße ab, mehr und größere Bilder prägen heute die Zeitungen – entsprechend unserer bildverwöhnten Sehgewohnheiten. Inzwischen haben die digitalen gegenüber den Printausgaben die dominierende Rolle übernommen. Seit dem Aufkommen digitaler Kameras und des Internets können Fotos heute von jedermann in relativ hoher Qualität gemacht und innerhalb weniger Sekunden weltweit verbreitet werden. Die sozialen Medien haben diese Entwicklung noch entscheidend verstärkt, weil inzwischen ein Großteil der Menschen mit einem Smartphone Bilder aufnehmen kann, die zu veröffentlichten Nachrichtenbildern werden können. Zugleich stellen die technischen Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung, ob Handy-App, Photoshop oder KI-generierte Deep Fakes, die Glaubwürdigkeit von Fotos vor ganz neue Herausforderungen. Dessen ungeachtet bleibt der Fotojournalismus zumal in den lokalen Printmedien ein wichtiger Faktor, um Geschichten lebendig und glaubwürdig zu erzählen und vor allem authentisch zu dokumentieren. Leider setzen die Tageszeitungen inzwischen allerdings immer weniger auf Bildprofis, überlassen es den schreibenden Redakteuren, ihre Fotos selbst zu machen – mit entsprechendem Verlust an Qualität.
Seit dem Umstieg auf die digitale Fotografie im Jahr 2001 schlummern rund 460.000 Aufnahmen auf den Festplatten von Andreas Woitschützke, weitere ca. 500.000 Aufnahmen auf klassischen Negativstreifen hat er manuell abgelegt – ein unschätzbares Archiv der Neusser Zeitgeschichte der letzten fünfzig Jahre. Als lokaler Bildjournalist arbeitet Woitschützke mithin eben nicht nur für den Augenblick und die tagesaktuelle Zeitung, sondern er ist zugleich unverzichtbarer Chronist der Stadtgeschichte. In dieser Funktion steht er in der Tradition seiner Vorgänger bei der NGZ, Philipp Groß und Wolfgang Maes. Deren fotografische Nachlässe werden im Stadtarchiv Neuss verwahrt und sind ein zentraler Bestandteil des städtischen Bildgedächtnisses geworden.
Der große Fotojournalist Robert Capa stellte mit Blick auf die Arbeit seines Berufsstandes fest: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“ Andreas Woitschützke war und ist bei seiner Arbeit als Fotojournalist und Reisefotograf immer „nah dran“ – an Menschen, Orten und Ereignissen. Vermutlich kennt kaum einer mehr Neusserinnen und Neusser als „der Woi“, und mit den meisten von ihnen ist er per Du, mit Schützen, Fußballern und Handwerkern ebenso wie mit Bürgermeistern, Geschäftsführern, Abgeordneten. Mit seiner Arbeit versteht er es meisterhaft, auch aus den unspektakulären Momenten des lokalen Alltags etwas Besonderes zu machen und sie auf die große Bühne zu holen: „Ganz großes Kino!“ – diesen Spruch hört man oft von Andreas Woitschützke bei seiner Arbeit. Er schenkt damit unzähligen Menschen auf seine unverwechselbare, humorvolle Art das großartige Gefühl, dass sie mit ihren Geschichten wichtig sind und gesehen werden, in der morgigen Ausgabe, online und dauerhaft im archivischen Gedächtnis der Stadt.
Beitrag aus dem Katalog zur Ausstellung „side by side“, 2026.